Zwischen Tradition und Neudenken: Gedenkkultur im Wandel
Wie wollen wir erinnern – und auf welche Weise sollten wir es tun? Diese Frage stand im Zentrum eines intensiven Abends mit Max Czollek und Oliver Titzmann, die in Lesung und Gespräch zwei sehr unterschiedliche, aber einander ergänzende Perspektiven auf die deutsche Erinnerungskultur entfalteten.
In einer Zeit, in der Geschichtsbilder hinterfragt und Erinnerungspraktiken neu verhandelt werden, ging es um nichts Geringeres als die Frage, wie eine Gesellschaft sich ihrer Vergangenheit stellt – und was das über ihre Gegenwart verrät.
Erinnerung als Gegenwartsaufgabe
Für Max Czollek ist Erinnerung kein historischer Rückblick, sondern eine politische Praxis der Gegenwart. Seine Motivation entspringt auch der eigenen Betroffenheit. Er spricht vom gesellschaftlichen Begehren nach lebenden Jüdinnen und Juden, das weniger echtes Interesse als vielmehr Bedürfnis nach moralischer Entlastung sei.
„Antifaschismus und Aufarbeitung können nicht wahr sein“, so Czollek, „wenn gleichzeitig die AfD zweistellige Ergebnisse erzielt.“ Auch die Wiedervereinigung deutet er neu: Sie wurde möglich, weil Deutschland als „bewältigt“ galt – weil es als ungefährlich erschien. Für Czollek ist die Hoffnung, dass die deutsche Erinnerungskultur zu einer gerechteren Gesellschaft führen würde, gescheitert. In seinem neuen Buch „Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ (gemeinsam mit Hadija Haruna-Oelker), plädiert er für eine plurale, gegenwartsnahe Erinnerung, die Diversität, Brüche und Machtverhältnisse sichtbar macht.
Erfahrung und Zweifel
Oliver Titzmann blickt aus der Erfahrung eines Lebens zwischen zwei deutschen Erinnerungssystemen auf das Thema. Als Schüler nahm er in der DDR an Gedenkveranstaltungen teil – damals wurde von „SS-Bestien“ gesprochen, aber viele Fragen blieben ungestellt. „Warum haben wir die Geschichte nicht besser erforscht, als Zeitzeugen noch lebten?“, fragt Titzmann rückblickend.
Am Ende der DDR existierten zum Mord in Schlema gerade einmal zwei beschriebene Seiten. „Die Verwertung der Geschichte stand im Fokus, nicht die Menschen.“ Die DDR, so Titzmann, sei an ihrem eigenen Anspruch zerbrochen – und die Wiedervereinigung sei kein Neubeginn gewesen. Stattdessen wurden alte westdeutsche Schulbücher aus den 1970ern übernommen, das Geschichtsverständnis der DDR wurde belächelt.
Kein Neustart nach 1989
Czollek ergänzt: Die Bedürfnisse von BRD und DDR hätten sich in einem Punkt überschnitten – im Wunsch, die eigene Vergangenheit zu bewältigen. Doch daraus entstand kein neuer Ansatz, sondern ein Konsens des Selbstlobs.
Ein echter „Neustart“ in der Erinnerungskultur blieb aus. Stattdessen setzte sich die westdeutsche Deutungshoheit durch – inklusive der Vorstellung, die bürgerliche Mitte sei der Garant gegen den Faschismus.
Ziel einer neuen Erinnerungskultur
Was also wäre das Ziel einer neuen Erinnerungskultur?
Czollek fordert, die Ausschlüsse zu erkennen: Menschen mit Migrationsgeschichte seien bislang kaum Teil der offiziellen Erinnerung. Dabei sei gerade ihnen die Kontinuität rechter Gewalt bewusst.
Es gehe um Verantwortung, Teilhabe und das Anerkennen gemeinsamer Krisen.
„Solange wir Krisen nicht als von uns allen mitproduziert begreifen“, sagt Czollek, „und Schuld immer nur auf Jugendliche, Linke, Künstler oder migrantische Menschen auslagern, wird sich nichts ändern.“ Eine Erzählung, die die Kontinuität rechter Gewalt wirklich ernst nimmt, könne nicht zugleich die freudige Geschichte der Wiedervereinigung erzählen. Seine Hoffnung liegt bei der Zivilgesellschaft – dort, wo Erinnerung lebendig bleibt.
Titzmann betont: „Wir haben keine Schuld, sondern Verantwortung.“ Er warnt davor, Unterricht oder Gedenken auf bloße Betroffenheit zu reduzieren: „Du kannst es nur fühlen, wenn du vor Ort bist.“ Geschichtsunterricht dürfe nicht instrumentalisiert werden, sondern müsse die individuelle Verantwortung betonen.
Als Beispiel nennt er die antike Tragödie der Antigone – die im Bewusstsein stirbt, verantwortlich für ihr eigenes Handeln zu sein. Für Titzmann ist dies das zentrale ethische Moment jeder Erinnerungskultur: menschlich zu bleiben.
Stimmen aus dem Publikum
Auch das Publikum brachte sich engagiert ein. Ein Zuhörer sprach über das NSU-Gedenken, das auch von der migrantischen Community gestaltet werde solle. Das erfordere Mut – viele Täter lebten schließlich noch in denselben Städten.
Czollek unterstreichte diese Entwicklung: „Die migrantische Community eignet sich das Erinnern langsam an – und das ist gut so.“ Er fragte zugleich, wie sich Überleben jenseits staatlicher Anerkennung denken lasse. Erinnerung, so sein Punkt, müsse auch für jene Räume schaffen, die nicht offiziell mitgedacht werden.
Ein anderer Zuhörer brachte den Begriff der Haftung ins Spiel – als dritte Kategorie neben Schuld und Verantwortung. Er sprach über Legendenbildungen in der DDR-Aufarbeitung und über die „gigantische Integrationsleistung“ der alten Nazis in die BRD.
Czollek griff das auf: „Immerhin hat die DDR über kommunistischen Widerstand gesprochen – in der BRD gar nicht.“ Das Wirtschaftswunder habe die Altnazis integriert, die westdeutsche Idee habe geglaubt, die bürgerliche Mitte verhindere Faschismus.
Eine weitere Zuhörerin aus dem Publikum stellte eine persönliche Frage: Reicht Betroffenheitspädagogik aus, um Verhalten zu verändern? Sie erinnerte sich daran, als Schülerin tief berührt gewesen zu sein – ohne dass daraus Handeln wurde. „Wie können wir eine gesellschaftliche Verhaltensänderung leisten? Wie kann Erinnerungskultur dabei helfen?“
Czollek antwortete mit einer Mischung aus Zweifel und Entschlossenheit: „Werden wir diese Frage überhaupt noch beantworten können – oder sind wir schon zu spät dran?“ Der Aufstieg der völkisch-nationalistischen Parteien ist für Czollek ein klares Symptom dafür, dass auch die Erzählung des großen Aufstiegs seit 1989 nicht mehr tragbar ist.
Erinnern heißt verändern
Am Ende dieses Abends blieb keine einfache Antwort, aber eine klare Erkenntnis: Erinnern heißt verändern.
Zwischen Titzmanns Betonung der Verantwortung und Czolleks Ruf nach pluraler Erinnerung eröffnete sich ein Spannungsfeld, das nicht gelöst, sondern produktiv wurde.
Erinnerungskultur, das zeigte diese Diskussion, ist kein Besitzstand, sondern eine Praxis – im Streit, im Gespräch, im Handeln. Und vielleicht beginnt genau dort der wahre Neubeginn.