Rückblick: "Als der Krieg zu Ende ging"

Im Rahmen unseres Projekts beschäftigen wir uns mit der Geschichte des KZ-Außenlagers in Mülsen St. Micheln sowie mit den Lebensgeschichten der dort inhaftierten Menschen. Wir setzen uns mit lokaler Geschichte auseinander, kommen mit vielen Menschen vor Ort ins Gespräch und suchen nach Zeitzeug:innen und lokalem Wissen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass diejenigen, die heute noch über diese Zeit berichten können, damals meist Kinder oder Jugendliche waren. Zudem gehörten ihre Familien in der Mehrheit nicht zu den Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes. Die Zeitzeug:innen erlebten den Krieg daher aus einer zivilen Perspektive.

 

Die Erfahrungen ihrer Familien sind nicht mit denen der KZ-Häftlinge vergleichbar oder gleichzusetzen. Beide Erfahrungsräume gehören jedoch zur Geschichte dieser Zeit – und sie stehen nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen sich, wenn wir verstehen wollen, wie die Vergangenheit bis heute in unserer Gesellschaft fortwirkt. Aus diesem Grund luden wir in Hartenstein und Bad Schlema Zeitzeug:innen ein, öffentlich von ihren Erinnerungen zu berichten.

 

In Hartenstein fand das Erzählcafé im Anschluss an die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in der Paul-Fleming-Oberschule in Hartenstein statt. Rund 30 Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um den persönlichen Erinnerungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu lauschen. Sechs Personen – fünf aus Hartenstein und eine Zeitzeuge aus Ortmannsdorf – berichteten eindrücklich von ihren Erlebnissen während der letzten Kriegsmonate und der unmittelbaren Nachkriegszeit.  Ihre Geschichten waren intensiv und emotional, geprägt von Angst, Verlust, aber auch Zusammenhalt und Momenten unverhoffter Hoffnung.

Ein besonders bewegender Moment entstand, als eine Dame einen Granatsplitter mitbrachte – ein Stück Metall, das bei der Bombardierung ihres Wohnhauses in der Familie zurückgeblieben war und bis heute als stilles Zeugnis dieser Zeit aufbewahrt wird. Auch aus dem Publikum meldeten sich mehrere Personen zu Wort und ergänzten die Erinnerungen der Zeitzeugen um eigene Eindrücke und Familiengeschichten. Bei Kaffee und Kuchen entwickelte sich so ein lebhaftes, wertschätzendes Gespräch, in dem deutlich wurde, wie wichtig solche Begegnungen sind: Sie lassen Geschichte nicht nur verständlich, sondern spürbar werden.

In Bad Schlema fand das Erzählcafé am Montag, den 17.11.2025, im Kulturhaus Aktivist statt. 50 Auszubildende des Instituts für Ausbildung Jugendlicher lauschten den Erinnerungen von drei Zeitzeug:innen.

Sie berichteten von ihrem Weg nach Sachsen, dem Ankommen und dem harte Neubeginn in einfachen Unterkünften oder auf Bauernhöfen. Immer wieder klangen Erfahrungen von Hunger, Kälte und Mangel selbst grundlegender Dinge wie Schuhe an. Alle berichteten von dem tief verankerten Gefühl, nach der Vertreibung nicht willkommen zu sein.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der prekären Versorgungslage jener Zeit: Brot reichte oft nur für die ersten Wochen des Monats, während Zucker paradoxerweise das einzige Gut war, das zuverlässig verfügbar blieb. Hinzu kamen Anfeindungen gegenüber Zugezogenen, die das Ankommen im Erzgebirge zusätzlich erschwerten.

In der anschließenden Fragerunde ging es unter anderem um den Blick auf die Flüchtlingshilfe im Jahr 2015. Alle drei Erzählenden machten deutlich, dass Menschen in Not Unerstützung verdienen – eine Haltung, die stark aus den eigenen Erlebnissen gespeist ist. 

 

Beide Veranstaltungen eröffnete den Teilnehmenden einen dichten, emotional eindringlichen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Nachkriegszeit und regte dazu an, über aktuelle Themen wie Flucht, Ausgrenzung und gelebte Solidarität nachzudenken. Die persönlichen Erzählungen machten erfahrbar, wie das Kriegsende und die Zeit danach hier vor Ort tatsächlich erlebt wurden – jenseits der großen historischen Schlaglichter. Sie zeigen, dass Geschichte nicht abstrakt, sondern zutiefst menschlich ist.