Vortrag zu Fotografien aus dem KZ-Außenlager Mülsen

Am 24. März 2026 fand in der Festscheune Thurm eine eindrucksvolle Buchvorstellung statt, die sich einem ebenso sensiblen wie bedeutenden Thema widmete: Fotografien aus dem Lagerkomplex Flossenbürg. Im Zentrum des Abends stand dabei ein außergewöhnlicher Fotobestand aus dem KZ-Außenlager Mülsen St. Micheln, vorgestellt und eingeordnet von dem Historiker Dr. Maximilian Schulz sowie von Prof. Dr. Jörg Skriebeleit, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Mitherausgeber des zugrunde liegenden Sammelbandes „Inszenierung, Schnappschuss, Dokumentation. Fotografien aus dem Lagerkomplex Flossenbürg“ (2025).

 

Bereits die einführenden Worte von Jörg Skriebeleit machten deutlich, wie komplex der Umgang mit historischen Fotografien aus der NS-Zeit ist. Herkunft und Entstehungskontext können sehr unterschiedlich sein: Beispielhaft wurde ein Foto aus privatem Besitz vorgestellt, das im Rahmen eines Familienausflugs zur Burgruine Flossenbürg entstanden war. Im Hintergrund des Bildes ist schemenhaft das Konzentrationslager zu erkennen. Neben solchen Privataufnahmen, die eher zufällig die Existenz von Konzentrationslagern dokumentieren, gibt es auch inszenierte Fotografien der SS, die das Lager Flossenbürg auf andere Weise darstellen. Die Fotografien machen deutlich: Die Konzentrationslager waren in der deutschen Mehrheitsgesellschaft kein Geheimnis und im damaligen Kontext nur selten mit Scham verbunden. Der Sammelband versammelt verschiedene Fotobestände aus dem Lagerkomplex Flossenbürg und gibt so Einblicke in den Lageralltag aus unterschiedlichen Perspektiven.

 

Eine besondere Rolle nimmt der Fotobestand aus Mülsen St. Micheln ein. Es handelt sich dabei weder um Propagandafotografien der SS noch um Privataufnahmen, auf denen das Lager nur am Rande erscheint. Die Fotos aus diesem Außenlager wurden von einem 13-jährigen Mädchen aufgenommen, dessen Familie in der Hausmeisterwohnung im Keller der Textilfabrik lebte – gewissermaßen Tür an Tür mit Wachmannschaft und KZ-Häftlingen. Zu diesen Aufnahmen referierte Maximilian Schulz. Er promovierte an der Universität Leipzig zu den KZ-Außenlagern der Erla Maschinenwerke GmbH und damit auch zum Außenlager in Mülsen St. Micheln. Schulz betonte die außergewöhnliche Bedeutung dieser Fotografien: Sie zeigen vor allem Soldaten und Wachpersonal; auf einer Aufnahme sind zudem zufällig Häftlinge im Hintergrund zu erkennen. Die Bilder verweisen auf konkrete Berührungspunkte zwischen Zivilbevölkerung und Lagerrealität. Zugleich werfen sie grundlegende Fragen auf: Was wurde gesehen, was wahrgenommen – und was möglicherweise bewusst oder unbewusst ausgeblendet?

 

Im Verlauf des Abends wurde deutlich, dass die Geschichte des Außenlagers Mülsen St. Micheln bis heute eng mit dem Ort verbunden ist. Diese Verwobenheit zeigt sich auch im großen Interesse und Engagement der lokalen Bevölkerung, die sich aktiv mit der Geschichte auseinandersetzt und zur Erinnerungskultur beiträgt. Mehr als 60 interessierte Besucherinnen und Besucher nahmen an der Veranstaltung teil und sorgten mit zahlreichen Nachfragen und engagierten Beiträgen für einen lebendigen Austausch mit den Referenten.

Die Veranstaltung bot nicht nur Einblicke in einen außergewöhnlichen Quellenbestand, sondern regte auch zur kritischen Reflexion über den Umgang mit historischen Fotografien an. Zwischen Inszenierung, Zufall und Dokumentation eröffnen sich neue Perspektiven auf die Geschichte der nationalsozialistischen Lager – und auf die Frage, wie Erinnerung heute gestaltet werden kann.

 

Ein Abend, der eindrücklich gezeigt hat, wie wichtig eine differenzierte historische Aufarbeitung ist – und wie sehr sie vom Dialog lebt.