Etwa drei Monate nach der Einrichtung des Konzentrationslager‑Außenlagers in der Textilfabrik Mülsen St. Micheln ereignete sich eine Katastrophe, die zu den tödlichsten Einzelereignissen in der Geschichte der nationalsozialistischen Lager im Raum Westsachsen zählt. In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1944 kam es zu einem Brand im Kellerbereich der Fabrik, in dem die Häftlinge untergebracht waren. Mindestens 198 Menschen verloren dabei ihr Leben. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich knapp 500 Häftlinge in dem Lager.
Vorgeschichte und Eskalation
Die Ereignisse dieser Nacht lassen sich in den Grundzügen rekonstruieren – vor allem durch die Schilderungen des Überlebenden Tadeusz Sobolewicz (Sobolewicz: 176 – 183). Demnach waren aus dem Arbeitsbereich Bauteile verschwunden, was den diensthabenden Wachmannschaften auffiel. Die Lagerautoritäten beschuldigten die sowjetischen Häftlinge, die größte Häftlingsgruppe im Lager, denen im Frühjahr 1944 ebenso wie den Wachmannschaften bekannt war, dass sich die sowjetische Armee auf dem Vormarsch befand.
Um jede Form tatsächlicher oder vermeintlicher aufständischer Stimmung im Keim zu ersticken, verhängte die Lagerleitung kollektiv eine Hungerstrafe über alle sowjetischen Gefangenen. Während andere Häftlinge weiterhin ihre ohnehin minimalen Rationen erhielten, wurden die sowjetischen Häftlinge vollständig von der Lebensmittelversorgung ausgeschlossen. Diese Maßnahme zielte klar darauf ab, Zwietracht unter den Gefangenen zu säen und Solidarität zu brechen.
In dieser Situation entschloss sich eine Widerstandsgruppe sowjetischer Häftlinge zu einem verzweifelten Schritt: In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1944 setzten sie die Strohmatratzen im Keller – dem Schlaf‑ und Aufenthaltsort der Häftlinge – in Brand. Ziel war es offenbar, im entstehenden Chaos eine Flucht aus dem Lager zu ermöglichen.
Der Brand und das Versagen der Hilfe
Die Reaktion der Wachmannschaften war rigoros. Anstatt zu evakuieren, verschlossen sie die Ausgangstüren des Kellers und verhinderten so jede Flucht. Wie Augenzeugen aus Mülsen später berichteten, blieben die Türen für etwa 30 Minuten verschlossen (vgl. Reinhold). Warum ließ man die Menschen lebendig verbrennen? In einer Sammlung von Zeitzeugenberichten aus Mülsen wird gemutmaßt: „Aus Furcht vor einer Revolte gegen die Wachmannschaften öffnete man nicht die Türen, bis man sicher war, der Gefangenen Herr zu werden“ (Reinhold).
Als die Türen schließlich geöffnet wurden, hätten nach Schilderungen von vor Ort noch viele Häftlinge gerettet werden können. Doch das gesamte Fabrikgelände war inzwischen von Gendarmerie und Militär abgesperrt.
Berichte legen zudem nahe, dass einige Mülsener Feuerwehrleute versuchte, Häftlinge durch die vergitterten Kellerfenster ins Freie zu ziehen. Andere Häftlinge versuchten, von innen bewusstlose Mithäftlinge nach draußen zu heben (vgl. Belgardt). Diejenigen, die durch Hilfe nach draußen gelangten, wurden jedoch von den Wachmannschaften erschossen (vgl. Reinhold).
Am nächsten Tag stand der Keller durch das Löschwasser unter Wasser. Die Toten waren entweder verbrannt, im Rauch erstickt oder – bewusstlos geworden – im Wasser ertrunken (Reinhold). Hinzu kam, dass Teile der Kellerdecke durch das Feuer einstürzten (Reinhold). Eine Küchenmitarbeiterin erinnert sich später an das Bild der schwimmenden Häftlingsmützen auf dem Wasser (Fischer).
Die Zeit nach dem Brand
In den nächsten Tagen wurden 131 überlebende Häftlinge in Lastwagen zurück in das Stammlager Flossenbürg transportiert. Was mit den verbleibenden etwa 170 Häftlingen geschah, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren. Die Quellenlage ist lückenhaft: Es ist möglich, dass weitere Transporte stattfanden, die nicht überliefert sind. Klar ist auch, dass ein Teil der Häftlinge weiterhin in Mülsen belassen wurde, vermutlich auch um die Aufräumarbeiten nach dem Brand durchzuführen. Die genaue Anzahl erfordert jedoch weitere Recherche.
Viele Überlebende starben in den Tagen und Wochen nach dem Brand an dessen Folgen. Tadeusz Sobolewicz berichtet selbst davon, dass er nur mit großem Glück und durch die Freundschaft zu einem Häftlingspfleger in Flossenbürg seine Brandverletzungen überlebte. (Sobolewicz: 184-190). Darüber hinaus wurden Ende August 1944 weitere 60 sowjetische Häftlinge in Flossenbürg exekutiert. Ihnen wurde vorgeworfen, einen Aufstand verursacht zu haben. In den Dokumenten ist als Todesursache „S. B.“ – „Sonderbehandlung“ – vermerkt. Infolge der Brandkatastrophe wurde der Lagerleiter Erich von Berg abgelöst; neuer Lagerleiter wurde Georg Degner (Schulz: 582).
Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung
Der Brand wurde sowohl in Flossenbürg als auch unter später nach Mülsen verlegten Häftlingen zum Gesprächsthema und entwickelte sich zu einem Mythos mit unterschiedlichen Deutungen über Ursache und Motivation. Ein Häftling, der erst nach dem Brand nach Mülsen kam, berichtete später von einem angeblich geplanten Massensuizid sowjetischer Häftlinge (Brunner).
Auch im Ort Mülsen hinterließ der Brand tiefe Spuren. Ein überlebender Häftling soll am Morgen nach dem Brand stundenlang an einen Pfahl oder Leitungsmast gebunden worden sein, versehen mit der Aufschrift: „Ich bin der Brandstifter.“ (Fischer; Reinhold). Eine Zeitzeugin, die in einem Haus gegenüber der Fabrik wohnte, berichtete, dass ihre Familie während des Brandes Zuflucht bei Verwandten suchte und sie am 2. Mai nicht zur Schule gehen konnte, weil die Hauptstraße gesperrt worden war. Von einem Nachbarhaus aus habe sie gesehen, wie die Leichen auf Wagen verladen wurden (Kelpe, Vogt).
Bestattung und Gedenkorte
Die Toten wurden zunächst in einem Massengrab auf dem Friedhof Zwickau‑Eckersbach beigesetzt. Nach Beschwerden aus der lokalen Bevölkerung (Schulz: 576) ließ man sie im Krematorium Zwickau einäschern (Endlich et al.: 773). Am 12. August 1945 wurden die Urnen in der Gedenkanlage am Schwanenteich in Zwickau beigesetzt (Simmon: 56). Insgesamt fanden dort 320 Urnen von Opfern der Außenlager Zwickau und Mülsen ihre letzte Ruhestätte (Brenner et al.: 527). Die Gedenkanlage wurde erstmals am 30. Mai 1948 eingeweiht und in den 1960er Jahren erneuert (Endlich et al.: 773).
In Mülsen selbst errichtete man 1951 ein Denkmal an der St. Michelner Hauptstraße vor der Fabrik (Freie Presse, 11.07.2001), das den gängigen Symboliken der DDR‑Erinnerungspolitik entsprach. Der prominent platzierte rote Winkel verweist auf die Gruppe der politischen Häftlinge, obwohl es unter den Opfern auch Gefangene andere Haftkategorien wie internierte Zivilarbeiter - Zwangsarbeiter, die wegen Regelverstößen in das KZ-System gelangten - oder auch als „asozial“ stigmatisierte Häftlinge, Sinti und Roma und einige Kriegsgefangene gab, die zu den Opfern gehörten.
In Anlehnung an die antifaschistischen Narrative und Deutungsweisen der DDR‑Erinnerungskultur wurde der Brand und seiner Opfer vor allem im Sinne antifaschistischen Widerstands erinnert. Dabei rückten insbesondere die sowjetischen Häftlinge in den Fokus, die die größte Häftlingsgruppe stellten und als treibende Kraft der Revolte galten. Diese Lesart entsprach den damaligen historischen und gesellschaftlichen Deutungsrahmen. Zugleich blieb dabei wenig Raum für die individuellen Opfer, ihre Lebensgeschichten und ihre Namen.
Die Opfer sichtbar machen
Aus diesem Grund machen wir im Jahr 2026 die Namen derjenigen sichtbar, die infolge des Brandes starben. Die Grundlage bildet eine Namensliste, die unmittelbar nach dem Brand von der Lagerverwaltung erstellt wurde – vermutlich auf Basis der zuvor registrierten Häftlingszahlen in Mülsen und der erfassten Überlebenden. Es ist kaum davon auszugehen, dass einzelne Leichen identifiziert werden konnten.
Diese Liste wurde von uns mit den Einträgen im Online‑Archiv der KZ‑Gedenkstätte Flossenbürg abgeglichen und, wo möglich, ergänzt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die ursprüngliche Liste von NS‑Offiziellen angefertigt wurde und keinerlei Rücksicht auf korrekte Schreibweisen nahm. Besonders polnische Namen wurden häufig verfälscht, und für die Namen sowjetischer Häftlinge aus der kyrillischen Schrift existierte keine einheitliche Transliteration. Die hier verwendeten Namen folgen daher der Schreibweise im Online‑Archiv der KZ‑Gedenkstätte Flossenbürg – in der Hoffnung, den ursprünglichen Namen der Menschen so nahe wie möglich zu kommen.
Die Opfer des Brands stammten aus unterschiedlichen Ländern:
aus Russland (98), der Ukraine (46), Polen (30), Frankreich (9), Tschechien (6), Jugoslawien (4), Deutschland (2 – grüner und schwarzer Winkel sowie ein Sinto mit schwarzem Winkel), Belgien (1)
und Ungarn (1).
Die Menschen hatten Berufe wie Elektriker, Schlosser oder auch Schuhmacher.
Der älteste Häftling war Nikifor Morgunew aus Russland, 51 Jahre alt. Der jüngste war Iwan Kupezkij, auch aus Russland – 16 Jahre alt.
Der Historiker Dr. Maximilian Schulz hat sich in seiner Dissertation zu den Erla‑Maschinenwerken intensiv mit dem Standort Mülsen und dem Brand auseinandergesetzt. Er ordnet das Geschehen als eine „gewaltsame Auflehnung gegen die SS“ ein und betont zugleich, dass dieses Ereignis in der aktuellen Erinnerungs‑ und Forschungslandschaft bislang ein „Schattendasein“ friste (Schulz: 571).
Je intensiver man beginnt, sich mit den konkreten Schicksalen der Ermordeten auseinanderzusetzen, desto deutlicher wird, wie groß die bestehenden Lücken sind. Hinter jedem Namen stehen individuelle Lebenswege, Familien, Erfahrungen von Verfolgung, Zwangsarbeit und Haft – und doch lassen sich die meisten dieser Biografien bislang nur in Umrissen erfassen. Die vorhandenen Quellen geben Hinweise, aber sie erzählen selten ganze Geschichten, am wenigsten die der Opfer. Gerade deshalb macht die Beschäftigung mit den einzelnen Opfern sichtbar, wie notwendig weitere Recherchen wären, um diese Menschen nicht nur als Namen, sondern in ihrer ganzen Lebensrealität erfahrbar zu machen. Erinnerung erweist sich hier nicht als abgeschlossener Akt, sondern als Prozess, der mit jeder Antwort neue Fragen aufwirft – und der dazu auffordert, weiterzuforschen, weiterzuhören und weiter hinzusehen.
©René Günnel
Hier geht es zur MP3-Datei der Aufnahme des Kapitels "Mülsen" aus Tadeusz Sobolewiczs autobiografischem Buch "Aus der Hölle zurück", in der er den Brand beschreibt:
Quellen
Belgardt, Petra (o. J.) "Gedenkstätte des ehemaligen KZ-Lagers in Mülsen St. Micheln". In: Mülsener Geschichtsblätter: Denkmale im Mülsengrund (2) / Ausgabe Nr. 19.
Brenner, Hans; Heidrich, Wolfgang; Müller, Klaus-Dieter; Wendler, Dietmar (Hg.) (2018). NS-Terror und Verfolgung in Sachsen. Von den Frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen. Dresden: Sächsische Landeszentrale für politische Bildung.
Endlich, Stefanie; Goldenbogen, Nora; Herlemann, Beatrix; Kahl, Monika; Scheer, Martina (2000). Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band II. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
Freie Presse, 11.07.2001: "Gedenkstein versinkt zwischen Unkraut"
Schulz, Maximilian (2024). KZ-Alltag und Rüstungsschmiede. Das System der KZ-Außenlager der Erla-Maschinenwerke GmbH Leipzig 1943-45. Leipzig: Universität Leipzig.
Simmon, Steven (2004). Die Außenlager Lengenfeld, Mülsen und Zwickau des KZ Flossenbürg- eine Spurensuche. [Unveröffentlichte Abschlussarbeit].
Sobolewicz, Tadeusz (2015). Aus der Hölle zurück. Von der Willkür des Überlebens im
Konzentrationslager. (Überarb. Neuausgabe). Frankfurt am Main: Fischer Verlag.
Unveröffentlichte Erinnerungsberichte:
- Brunner, Johann (1955). "Vor zehn Jahren".
- Fischer, Grit (03.07.2002). "Gedächtnisprotokoll: Gespräch mit Frau Wunderlich, Mülsen St. Micheln".
- Kelpe, Annemarie; Vogt, Anna (23.07.2024). "Gesprächsnotizen Christa Heinz".
- Reinhold, M. (o. J.). "Niederschrift über die Brandkatastrophe in Mülsen St. Micheln am 1. Mai 1944. Nach Augenzeugenberichten zusammengestellt von M. Reinhold".

